„Herr Doktor, mein Knorpel ist kaputt. Kann man den bei mir wieder aufbauen?“
Diese Frage höre ich fast täglich in meiner Sprechstunde.
Viele Patienten gehen davon aus, dass Arthrose einfach bedeutet, der Knorpel habe sich im Laufe der Jahre abgenutzt. Gleichzeitig hoffen sie, dass man den Knorpel heute wieder vollständig aufbauen kann. Viele fragen mich, ob sich der Knorpel wieder regenerieren lässt oder ob eine Knorpelzüchtung oder andere moderne Knorpeltherapien für sie infrage kommen.
Die Antwort ist leider nicht ganz so einfach.
Nach heutigem medizinischem Kenntnisstand ist Arthrose keine reine Knorpelerkrankung. Sie betrifft das gesamte Gelenk. Neben dem Knorpel spielen auch der Knochen unter dem Knorpel, die Menisken, die Gelenkschleimhaut, die Bänder, die Muskulatur und sogar die Beinachse eine entscheidende Rolle. Alle diese Strukturen beeinflussen sich gegenseitig und sorgen normalerweise dafür, dass unser Kniegelenk über viele Jahre reibungslos funktioniert.
Deshalb lautet für mich in der Sprechstunde nicht die erste Frage:
„Wie groß ist der Knorpelschaden?“
Sondern vielmehr:
„Warum ist der Knorpelschaden überhaupt entstanden?“
Denn der Knorpel ist häufig nicht die eigentliche Ursache der Arthrose, sondern das Opfer einer langjährigen Fehlbelastung.
Erst wenn wir die Ursache erkennen, können wir gemeinsam entscheiden, welche Behandlung im individuellen Fall sinnvoll ist.
Das Knie ist mehr als nur Knorpel
Viele Menschen vergleichen den Gelenkknorpel mit einem Autoreifen, der sich im Laufe der Jahre einfach abnutzt. Dieser Vergleich greift jedoch zu kurz.
Unser Knie ist ein hochkomplexes Gelenk, in dem zahlreiche Strukturen zusammenarbeiten:
Erst das Zusammenspiel all dieser Strukturen ermöglicht ein schmerzfreies und belastbares Kniegelenk. Wird dieses Gleichgewicht gestört – beispielsweise durch einen Meniskusschaden, eine Bandverletzung, eine Fehlstellung oder eine langjährige Überlastung –, kann sich über Jahre hinweg eine Arthrose entwickeln.
Warum entsteht Arthrose überhaupt?
Die Entstehung einer Arthrose ist fast immer ein schleichender Prozess. Häufig kommen mehrere Faktoren zusammen, die das Knie über viele Jahre stärker belasten, als es ausgleichen kann.
Zu den häufigen Risikofaktoren gehören:
- zunehmendes Alter,
- Übergewicht,
- Meniskusverletzungen oder eine teilweise Entfernung von Meniskusgewebe,
- Kreuzbandverletzungen mit Instabilität,
- O-Bein- oder X-Bein-Fehlstellungen,
- Knochenbrüche in Gelenknähe,
- dauerhaft hohe berufliche oder sportliche Belastungen,
- eine genetische Veranlagung.
Keiner dieser Faktoren führt zwangsläufig zu einer Arthrose. Viele Menschen haben beispielsweise eine leichte O-Bein-Stellung oder einen Meniskusschaden und entwickeln trotzdem keine schwerwiegende Arthrose.
Entscheidend ist vielmehr, wie viele Risikofaktoren zusammenkommen und wie gut das Knie diese Belastungen über viele Jahre ausgleichen kann.
Meine Erfahrung aus der Praxis
Aus meiner Erfahrung ist deshalb nicht das Alter allein der wichtigste Risikofaktor, sondern die gesamte Belastungsgeschichte eines Kniegelenks.
Ein Kreuzbandriss in jungen Jahren, eine spätere Meniskusoperation, leichtes Übergewicht und eine O-Bein-Stellung – jeder einzelne Faktor muss noch keine Arthrose verursachen. Zusammen können sie jedoch dazu führen, dass ein Teil des Gelenks über Jahre immer stärker belastet wird.
Was bedeutet das für die Behandlung?
Eine sinnvolle Behandlung sollte sich nicht nur nach dem Knorpelgrad im MRT richten. Entscheidend ist, welche Strukturen betroffen sind, woher die Beschwerden kommen und ob sich eine Ursache der Fehlbelastung beeinflussen lässt.
Bei einem Patienten kann eine gezielte Bewegungstherapie im Mittelpunkt stehen. Bei einem anderen müssen Meniskus, Stabilität, Beinachse oder Kniescheibenführung berücksichtigt werden. In ausgewählten Fällen kommen knorpelerhaltende oder knorpelregenerative Verfahren infrage. Bei einer weit fortgeschrittenen Arthrose kann schließlich auch ein Gelenkersatz sinnvoll sein.
Jedes Knie ist anders. Deshalb gibt es nicht die eine Behandlung, die für alle Patienten gleichermaßen geeignet ist.
Die wichtigste Botschaft
Arthrose ist mehr als ein „abgenutzter“ Knorpel. Sie ist eine Erkrankung des gesamten Gelenks. Wer nur den sichtbaren Knorpelschaden betrachtet, übersieht möglicherweise die Ursache. Eine sorgfältige Beurteilung des ganzen Kniegelenks ist deshalb die Grundlage jeder sinnvollen Behandlung.
Wissenschaftliche Grundlage
Dieser Beitrag beruht auf wissenschaftlichen Übersichtsarbeiten zur Arthrose als Erkrankung des gesamten Gelenks, zur Biomechanik des Kniegelenks und zur regionalen Entstehung der Gonarthrose.
- Söder S, Aigner T. Arthrose – Ätiologie, Typisierung, Stadieneinteilung und histologische Graduierung. Der Pathologe. 2011;32:183–192.
- Madry H. Gonarthrose – Gibt es die regionale Arthrose am Kniegelenk? Arthroskopie. 2020.
- Schmitt A, Tischer T. Knorpel-Knochen-Defekte als Symptom. Arthroskopie. 2019.
- Oronowicz J, Punger A, Tischer T. Einfluss der Biomechanik des Kniegelenks auf die Entstehung von überlastungsbedingter Gonarthrose. Arthroskopie. 2025.
Die Informationen auf dieser Seite dienen der allgemeinen Aufklärung. Sie ersetzen keine persönliche ärztliche Untersuchung, Diagnose oder individuelle Therapieempfehlung.