Patientenwissen · Schmerzentstehung

Warum verursacht Arthrose Schmerzen?

Was im Gelenk tatsächlich schmerzt – und warum die passende Behandlung von der Schmerzursache abhängt

„Herr Doktor, woher kommen meine Schmerzen eigentlich? Was schmerzt in meinem Knie?“

Diese Frage höre ich in meiner Sprechstunde sehr häufig. Viele Patienten vermuten, dass der geschädigte Knorpel selbst die Schmerzen verursacht. Das klingt logisch – stimmt aber nur teilweise.

Der Gelenkknorpel besitzt keine eigenen Schmerzfasern. Trotzdem kann ein arthrotisches Gelenk erheblich schmerzen. Der Grund: Arthrose betrifft nicht nur den Knorpel, sondern das gesamte Gelenk.

Die Stärke der Beschwerden hängt nicht allein davon ab, wie groß der Knorpelschaden ist. Entscheidend ist, welche schmerzempfindlichen Strukturen gereizt sind und wie das Nervensystem diese Signale verarbeitet.

Wo entstehen Schmerzen bei Arthrose?

Infografik zu den möglichen Schmerzquellen bei Arthrose: Gelenkschleimhaut, Gelenkkapsel, Meniskus als indirekte Schmerzquelle, Muskulatur, Bänder und subchondraler Knochen.
Arthrose betrifft das gesamte Gelenk. Schmerzen können aus mehreren Geweben entstehen – nicht nur aus dem Knorpel.

Der Knorpel selbst schmerzt nicht

Knorpel ist eine glatte, druckelastische Gleitschicht. Er verteilt Belastungen und ermöglicht eine möglichst reibungsarme Bewegung. Eigene Schmerzfasern besitzt er nicht.

Ein Knorpelschaden ist deshalb häufig nicht die unmittelbare Schmerzquelle. Er kann jedoch dazu führen, dass andere Gewebe stärker belastet werden: Der Knochen unter dem Knorpel wird mechanisch beansprucht, die Gelenkschleimhaut kann sich entzünden und die Kapsel kann durch einen Erguss gedehnt werden.

Welche Strukturen können bei Arthrose schmerzen?

GelenkschleimhautEine Synovitis setzt entzündliche Botenstoffe frei und kann Schmerzen, Überwärmung und Schwellung verursachen.
GelenkkapselEin Erguss oder eine Entzündung dehnt und reizt die schmerzempfindliche Kapsel.
Subchondraler KnochenDer Knochen unmittelbar unter dem Knorpel ist reich innerviert und kann auf Überlastung und Entzündung schmerzhaft reagieren.
KnochenmarködemDie im MRT sichtbare Knochenreaktion kann mit Belastungs-, Ruhe- und Nachtschmerzen einhergehen.
Bänder und MuskulaturInstabilität, Fehlbelastung, Verspannung und Kraftverlust können die Beschwerden verstärken.
Meniskus und meniskokapsuläre ZoneVor allem der äußere Meniskusanteil und der Übergang zur Kapsel sind innerviert. Degenerative Schäden können zudem Synovia und Knochen indirekt reizen.
Zum Meniskus: Der innere, schlecht durchblutete Anteil besitzt kaum Nervenfasern. Schmerzen entstehen daher häufig nicht allein aus dem degenerierten Meniskusgewebe, sondern durch Zug an der meniskokapsulären Verbindung, Einklemmung, synoviale Reizung oder begleitende Veränderungen des subchondralen Knochens.

Warum der Knochen zunehmend in den Mittelpunkt rückt

Neuere Arbeiten heben die Bedeutung der Nervenfasern im subchondralen Knochen hervor. Diese sensiblen Nervenendigungen liegen direkt unter der Gelenkfläche und können durch mechanische Belastung, Umbauprozesse und Entzündung aktiviert werden.

Die Vorstellung vom einfachen „Knochen-auf-Knochen-Schmerz“ ist allerdings zu grob. Entscheidend ist nicht der Knochenkontakt als Bild, sondern die Aktivierung schmerzleitender Nervenfasern in und um den Knochen. Gleichzeitig können weiterhin Synovitis, Kapsel, Muskulatur und andere Gelenkstrukturen beteiligt sein.

Das Knochenmarködem: MRT-Befund mit verschiedenen Ursachen

Ein Knochenmarködem beziehungsweise eine Bone-Marrow-Lesion ist ein MRT-Befund. Er kann eine Reaktion des Knochens auf Überlastung, Mikroverletzungen oder gestörten Knochenumbau anzeigen. Der Begriff beschreibt keine einfache Wasseransammlung, sondern ein komplexes Reaktionsmuster des Knochenmarks.

Ein ausgeprägter Befund kann Belastungs-, Ruhe- und Nachtschmerzen erklären. Vor jeder Therapie muss jedoch geklärt werden, warum er entstanden ist – etwa durch Fehlstellung, Meniskuswurzelverletzung, subchondrale Insuffizienzfraktur, Osteonekrose oder fortgeschrittene Arthrose.

BMAC

Bone Marrow Aspirate Concentrate bedeutet konzentriertes körpereigenes Knochenmarkaspirat. Es enthält verschiedene Zelltypen, Wachstumsfaktoren und Signalstoffe. Der häufig verwendete Begriff „Stammzelltherapie“ ist verkürzt und kann falsche Erwartungen wecken.

Bei ausgewählten Patienten werden heute auch subchondrale Verfahren untersucht oder eingesetzt: Entlastung und Behandlung der mechanischen Ursache, intraossäre biologische Präparate wie PRP oder BMAC sowie in besonderen Situationen calciumphosphathaltige Knochenersatzmaterialien. Diese Verfahren sind nicht für jedes Knochenmarködem geeignet und ersetzen keine sorgfältige Ursachenklärung.

Warum schmerzt das Knie nachts oft stärker?

„Tagsüber kann ich laufen – aber nachts finde ich vor Schmerzen keine Ruhe.“ Dieses Muster ist bei Arthrose nicht ungewöhnlich.

In Ruhe wird das Gelenk steifer, die Gelenkflüssigkeit wird weniger bewegt und eine gereizte Kapsel kann deutlicher wahrgenommen werden. Gleichzeitig fehlen Ablenkung und alltägliche Sinnesreize. Ein Knochenmarködem oder eine aktivierte Arthrose kann zudem auch Ruhe- und Nachtschmerzen verursachen.

Bei länger bestehenden Beschwerden kann sich außerdem die Schmerzverarbeitung verändern: Das Nervensystem reagiert empfindlicher, und eigentlich schwache Reize werden stärker wahrgenommen.

Warum wird es nach den ersten Schritten oft besser?

Dosierte Bewegung verteilt die Gelenkflüssigkeit, macht die Kapsel beweglicher, aktiviert die Muskulatur und regt körpereigene schmerzhemmende Mechanismen an. Deshalb berichten viele Patienten, dass der Anlaufschmerz nach einigen Minuten nachlässt.

Das bedeutet nicht, dass jede Belastung gut ist. Entscheidend sind Art, Dauer und Intensität der Bewegung. Überlastung kann die Beschwerden erneut verstärken.

Warum passen Röntgenbild und Schmerzen oft nicht zusammen?

Röntgenbilder zeigen vor allem knöcherne Veränderungen und die Breite des Gelenkspalts. Sie zeigen jedoch nicht zuverlässig, wie aktiv eine Synovitis ist, ob ein Knochenmarködem vorliegt, wie empfindlich die Nerven reagieren oder welchen Anteil Muskulatur und Schmerzverarbeitung haben.

Deshalb behandle ich nicht das Röntgenbild, sondern den Menschen.

Welche Behandlung passt zu welcher Schmerzursache?

Aktivierte Arthrose / Synovitis

Entzündung und Gelenkmilieu beeinflussen

Mögliche Bausteine sind Bewegung und Belastungssteuerung, NSAR, Kortisoninjektion sowie – nach individueller Abwägung – Hyaluronsäure oder ACP/PRP.

Knochenmarködem

Ursache behandeln und Knochen entlasten

Je nach Befund kommen Entlastung, Korrektur einer mechanischen Ursache und bei ausgewählten Patienten intraossäre biologische oder stabilisierende Verfahren infrage.

Chronischer Arthroseschmerz

Schmerzleitung gezielt vermindern

Wenn konservative Behandlungen ausgeschöpft sind und eine Operation aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich oder aktuell nicht gewünscht ist, kann nach positivem diagnostischem Nervenblock eine genikuläre Radiofrequenz-Denervierung erwogen werden.

Mechanisches Endstadium

Gelenkfunktion wiederherstellen

Bei ausgeprägter struktureller Schädigung, erheblicher Einschränkung und ausgeschöpfter konservativer Therapie kann eine gelenkerhaltende Achskorrektur, Teilprothese oder Endoprothese sinnvoll sein.

Was ich meinen Patienten dazu sage

„Nicht der Knorpelschaden allein entscheidet darüber, wie stark Sie Schmerzen haben. Entscheidend ist, welche Strukturen in Ihrem Gelenk die Beschwerden verursachen. Erst wenn wir das verstanden haben, können wir eine passende Behandlung auswählen.“

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Knorpel besitzt keine eigenen Schmerzfasern.
  • Arthrose betrifft das gesamte Gelenk.
  • Synovialis, Kapsel, meniskokapsuläre Zone, Muskeln und besonders der subchondrale Knochen können Schmerzen erzeugen.
  • Knochenmarködeme können Belastungs-, Ruhe- und Nachtschmerzen erklären, haben aber unterschiedliche Ursachen.
  • Die Behandlung sollte sich an der wahrscheinlichsten Schmerzursache orientieren – nicht nur am Röntgenbild.

Ausgewählte Literatur

  1. Devor M. Pain in osteoarthritis: Driven by intrinsic rather than extrinsic joint afferents and why this should impact treatment. Interventional Pain Medicine. 2024.
  2. Dainese P et al. Association between knee inflammation and knee pain in patients with knee osteoarthritis: a systematic review. Osteoarthritis Cartilage. 2022;30:516–534.
  3. Mantyh PW. The neurobiology of skeletal pain. Eur J Neurosci. 2014;39:508–519.
  4. Brazill JM et al. Nerves in bone: evolving concepts in pain and anabolism. J Bone Miner Res. 2019;34:1393–1406.
  5. Zhu S et al. Subchondral bone osteoclasts induce sensory innervation and osteoarthritis pain. J Clin Invest. 2019;129:1076–1093.
  6. Migliorini F et al. Management of knee osteoarthritis using bone marrow aspirate concentrate: a systematic review. Br Med Bull. 2025;153:ldae016.
  7. Liu Y et al. Radiofrequency ablation therapy for knee osteoarthritis: a systematic review and meta-analysis. Cir Cir. 2024;92:456–468.

Medizinischer Hinweis: Diese Informationen dienen der allgemeinen Aufklärung und ersetzen keine persönliche Untersuchung. Die genannten Verfahren sind nicht für jeden Patienten geeignet. Nutzen und Risiken müssen individuell abgewogen werden.

Sie möchten Ihren Befund besser verstehen?

Eine sorgfältige Einordnung verbindet Beschwerden, Untersuchung und Bildgebung – nicht nur einen einzelnen MRT- oder Röntgenbefund.

Zur Zweitmeinung