Patientenwissen · Knorpelregeneration

ChondroFiller® bei Knorpelschäden

Wie eine zellfreie Kollagenmatrix umschriebene Knorpeldefekte unterstützen kann – und wo die Grenzen des Verfahrens liegen

Ein Knorpelschaden bedeutet nicht automatisch, dass ein künstliches Gelenk notwendig ist.

Bei einem klar begrenzten Knorpeldefekt kann eine gelenkerhaltende Behandlung sinnvoll sein. ChondroFiller® liquid ist eine zellfreie Kollagenmatrix, die den vorbereiteten Defekt ausfüllt und den körpereigenen Zellen vorübergehend ein dreidimensionales Gerüst bietet.

Entscheidend ist jedoch die richtige Indikation. Ein einzelner umschriebener Defekt ist etwas anderes als eine flächige, fortgeschrittene Arthrose des gesamten Gelenks. Deshalb müssen Beschwerden, MRT-Befund, Gelenkmechanik und Begleitveränderungen gemeinsam beurteilt werden.

ChondroFiller ist kein „neuer Knorpel aus der Spritze“. Die Matrix schafft ein biologisches Gerüst, das die körpereigene Gewebereparatur unterstützen kann. Eine vollständige Wiederherstellung des ursprünglichen hyalinen Gelenkknorpels kann nicht garantiert werden.

Was ist ChondroFiller® liquid?

ChondroFiller® liquid ist ein steriles Medizinprodukt der Klasse III. Es besteht aus hochgereinigtem nativem Kollagen Typ I tierischen Ursprungs und einer Neutralisationslösung. Beide Bestandteile befinden sich getrennt in einer Zweikammerspritze und werden erst bei der Anwendung vermischt.

Nach dem Einbringen in den Defekt bildet sich innerhalb weniger Minuten ein formstabiles Hydrogel. Die Matrix passt sich der Defektform an, wird im Verlauf resorbiert und soll schrittweise durch körpereigenes Reparaturgewebe ersetzt werden. Es werden keine kultivierten Knorpelzellen und keine zusätzlichen Wachstumsfaktoren eingesetzt.

ZellfreiKeine vorherige Knorpelbiopsie und keine Zellzüchtung im Labor.
FormanpassendDie flüssige Matrix füllt auch unregelmäßig geformte Defekte aus.
Ein EingriffDie Defektvorbereitung und Implantation erfolgen in einer Operation.

Für welche Knorpelschäden kommt das Verfahren infrage?

Nach aktueller Produktinformation ist ChondroFiller® liquid für Gelenkknorpelschäden Grad III und IV und für Defekte bis zu einer Größe von etwa 3 cm² vorgesehen. Besonders wichtig ist, dass der Defekt klar umschrieben und arthroskopisch beziehungsweise minimal offen erreichbar ist.

Geeignete AusgangssituationUmschriebener, symptomatischer Knorpeldefekt mit stabilen Defekträndern und erhaltungswürdigem Gelenk.
GelenkmechanikBeinachse, Bandstabilität, Meniskusfunktion und Belastungsverteilung müssen berücksichtigt und gegebenenfalls mitbehandelt werden.
Beurteilung im MRTGröße, Tiefe und Lokalisation des Defekts sowie Zustand von Knochen und Gegenfläche müssen sorgfältig beurteilt werden.
PatientenfaktorenBeschwerden, Aktivitätsniveau, Begleiterkrankungen und realistische Therapieziele beeinflussen die Entscheidung.
Wichtig: Bei einer ausgeprägten Arthrose mit großflächigem Knorpelverlust, erheblicher Fehlstellung, Instabilität oder deutlich geschädigter gegenüberliegender Gelenkfläche ist die Erfolgsaussicht einer lokalen Defektbehandlung begrenzt.

Wie läuft die Behandlung ab?

Am Knie erfolgt die Behandlung in der Regel arthroskopisch. Während der Gelenkspiegelung wird zunächst überprüft, ob der tatsächliche Befund mit dem MRT übereinstimmt und der Defekt für das Verfahren geeignet ist.

Defekt beurteilenGröße, Tiefe, Gegenfläche und Begleitveränderungen werden kontrolliert.
Defekt vorbereitenInstabiles Knorpelgewebe wird entfernt; es entstehen tragfähige, stabile Ränder.
TrockenlegenSpülflüssigkeit und Blut werden sorgfältig aus dem Defekt entfernt.
Matrix einbringenDie Kollagenmatrix wird bündig eingefüllt und geliert innerhalb weniger Minuten.

Der Vorteil des flüssigen Materials liegt darin, dass es nicht zugeschnitten werden muss. Es passt sich der individuellen Defektform an und kann auch schwer zugängliche Bereiche ausfüllen. Eine Überfüllung sollte vermieden werden.

Warum erfolgt keine Mikrofrakturierung?

Bei meinem Vorgehen kombiniere ich ChondroFiller® nicht mit einer Mikrofrakturierung. Die Matrix muss in einem möglichst trockenen und stabil vorbereiteten Defekt kontrolliert aushärten. Eine Blutung aus dem eröffneten subchondralen Knochen kann die saubere Applikation und Gelierung beeinträchtigen.

Auch die aktuelle Herstellerinformation sieht für ChondroFiller® keine vorherige Knochenanbohrung vor und empfiehlt keine Verletzung des subchondralen Knochens. Das unterscheidet die Methode von knochenmarkstimulierenden Verfahren, bei denen bewusst kleine Öffnungen im Knochen erzeugt werden.

Mein Behandlungsprinzip

„ChondroFiller benötigt einen präzise vorbereiteten, trockenen Defekt und Zeit zum Aushärten. Deshalb führe ich gleichzeitig keine Mikrofrakturierung durch.“

Wie unterscheidet sich ChondroFiller von anderen Verfahren?

VerfahrenGrundprinzipTypische Besonderheit
ChondroFiller®Zellfreie Kollagenmatrix als temporäres Gerüst im DefektEin Eingriff, keine Zellzüchtung, keine Mikrofrakturierung vorgesehen
MikrofrakturierungÖffnung des subchondralen Knochens zur Bildung eines knochenmarkhaltigen BlutgerinnselsVor allem bei kleineren Defekten; häufig faserknorpeliges Reparaturgewebe
Autologe ChondrozytentransplantationEntnahme, Vermehrung und spätere Implantation körpereigener KnorpelzellenMeist zwei Eingriffe; etabliertes Verfahren für ausgewählte größere Defekte
Osteochondrale TransplantationÜbertragung von Knorpel-Knochen-ZylindernDirekter Ersatz eines begrenzten osteochondralen Defekts; Entnahmemorbidität möglich

Keines dieser Verfahren ist grundsätzlich „das beste“. Defektgröße, Lokalisation, Knochenbeteiligung, Alter, Gelenkmechanik und Vorbehandlungen bestimmen, welches Verfahren im Einzelfall sinnvoll sein kann.

ChondroFiller in kleinen Gelenken: Finger, Hand und Hallux

Bei kleinen Gelenken kann die Kollagenmatrix auch direkt intraartikulär beziehungsweise unter bildgebender Kontrolle eingebracht werden. Die derzeit beste klinische Datenlage besteht für die Rhizarthrose des Daumensattelgelenks.

Daumensattelgelenk

Eine 2025 veröffentlichte Studie untersuchte 64 Patienten mit Rhizarthrose der Stadien I bis IV. Die zellfreie Kollagenmatrix wurde perkutan und ultraschallgeführt in das Gelenk injiziert. Schmerzen, Kraft und Handfunktion verbesserten sich in beiden Schweregradgruppen; die Veränderungen hielten in der Nachbeobachtung von mehr als zwei Jahren an. Unerwünschte Ereignisse wurden nicht berichtet.

Da es sich um eine nicht randomisierte Kohortenstudie ohne Placebokontrolle handelt, sind die Ergebnisse ermutigend, aber noch nicht mit einem Wirksamkeitsnachweis aus einer kontrollierten Vergleichsstudie gleichzusetzen.

Auch am Handgelenk wurde die technisch präzise Defektfüllung inzwischen in einer prospektiven Untersuchung nach intraartikulären Radiusfrakturen beschrieben. Entscheidend waren eine trockene Anwendung, eine bündige Füllung und eine exakte Dosierung.

Großzehengrundgelenk / Hallux rigidus

Das Produkt ist grundsätzlich auch für kleine Fußgelenke vorgesehen. Eine direkte intraartikuläre Anwendung am Großzehengrundgelenk ist technisch möglich. Die klinische Studienlage ist jedoch deutlich schwächer als am Daumensattelgelenk. Bei fortgeschrittenem Hallux rigidus mit ausgeprägten Osteophyten, Fehlstellung und weitgehend aufgehobenem Gelenkspalt darf die Kollageninjektion nicht als gesicherter Ersatz für etablierte operative Verfahren dargestellt werden.

Wie sieht die Nachbehandlung aus?

Die Nachbehandlung richtet sich nach Gelenk, Defektgröße, Defektlage und möglichen Begleiteingriffen. Am Knie ist eine kontrollierte Teilbelastung häufig notwendig. Beweglichkeit und Muskelaktivierung werden früh aufgebaut, während Stoß-, Sprung- und Drehbelastungen zunächst vermieden werden.

  • Belastung und Bewegung werden individuell festgelegt.
  • Physiotherapie unterstützt Beweglichkeit, Muskelkontrolle und einen schrittweisen Belastungsaufbau.
  • Sportfreigabe erfolgt nicht allein nach Zeit, sondern nach Befund, Beschwerden und funktioneller Kontrolle.
  • Bei kleinen Gelenken können vorübergehende Ruhigstellung oder Orthesenversorgung sinnvoll sein.

Zu frühe Voll- oder Stoßbelastung kann die noch unreife Defektfüllung gefährden. Deshalb ist die Nachbehandlung ein wesentlicher Teil der Therapie.

Chancen, Grenzen und mögliche Risiken

ChondroFiller® bietet die Möglichkeit einer einzeitigen, zellfreien und formangepassten Versorgung ausgewählter Knorpeldefekte. Klinische Studien berichten über Verbesserungen von Schmerzen und Funktion sowie über eine zunehmende Defektfüllung im MRT. Die bisherige Studienlage ist jedoch deutlich kleiner als bei länger etablierten Knorpelverfahren.

Möglicher Vorteil

Gelenkerhaltender Ansatz

Die lokale Behandlung kann bei geeigneter Indikation helfen, Beschwerden zu vermindern und das biologische Gelenk zu erhalten.

Wichtige Grenze

Keine Garantie auf Originalknorpel

Die Bildung belastbaren, hyalinartigen Reparaturgewebes ist möglich, aber weder vollständig vorhersehbar noch in jedem Fall dauerhaft.

Mögliche Risiken

Wie bei jedem Eingriff

Infektion, Blutung, Thrombose, Gelenksteife, Reizung, Überempfindlichkeit sowie fortbestehende Beschwerden oder ein späterer Folgeeingriff sind möglich.

Bei Allergien oder Überempfindlichkeit gegenüber Bestandteilen, Gelenksteife, Arthrofibrose sowie bestimmten systemischen oder stoffwechselbedingten Erkrankungen kann das Verfahren ungeeignet sein. Die individuelle Aufklärung und Prüfung der Produktinformation sind deshalb unverzichtbar.

Was zeigen die bisherigen Studien?

Umschriebene Knorpeldefekte

Kleinere klinische Studien und Fallserien an Knie, Hüfte, Sprunggelenk und Hand berichten über funktionelle Verbesserungen und eine Defektauffüllung im MRT beziehungsweise bei arthroskopischen Kontrollen. Die Patientenzahlen sind vielfach klein und die Studienmethoden unterschiedlich. Langfristige, randomisierte Vergleichsstudien bleiben notwendig.

Österreichische Pilotstudie: ChondroFiller plus blutbasiertes Zellkonzentrat

Eine 2025 veröffentlichte österreichische Pilotstudie untersuchte 25 Patienten mit fortgeschrittener Kniearthrose Grad IV. Zwölf Patienten erhielten ein autologes blutbasiertes, von den Autoren als MSC-reich bezeichnetes Zellkonzentrat; 13 Patienten erhielten zusätzlich ChondroFiller® liquid.

Nach zwei Monaten verbesserten sich Schmerzen und Funktion in beiden Gruppen. Bei einzelnen Funktionswerten und MRT-Veränderungen zeigte die Kombinationsgruppe stärkere Veränderungen. Die Studie war jedoch klein, nicht randomisiert, nicht verblindet, ohne Placebo- oder Standardtherapiegruppe und wurde vom Hersteller finanziell unterstützt.

Einordnung: Das Ergebnis ist ein interessanter Forschungsansatz, beweist aber weder eine dauerhafte Knorpelregeneration noch eine langfristige Vermeidung einer Knieprothese. Außerdem unterscheidet sich diese intraartikuläre Kombinationstherapie deutlich von der gezielten Defektfüllung bei einem umschriebenen Knorpelschaden.

Für wen kann ChondroFiller sinnvoll sein?

ChondroFiller® kann bei sorgfältig ausgewählten Patienten mit einem umschriebenen Knorpelschaden eine gelenkerhaltende Behandlungsoption sein. Entscheidend ist nicht allein, ob im MRT „ein Knorpelschaden“ beschrieben wird, sondern ob dieser Schaden tatsächlich zu den Beschwerden passt und ob die mechanischen Voraussetzungen im Gelenk stimmen.

Die Behandlung beginnt nicht mit der Auswahl eines Produkts, sondern mit der Frage: Welcher Schaden verursacht die Beschwerden – und welches Verfahren passt biologisch und mechanisch zu diesem Gelenk?
  • ChondroFiller ist eine zellfreie Kollagenmatrix, keine fertige Knorpel- oder Stammzelllösung.
  • Die etablierte Anwendung zielt vor allem auf umschriebene Knorpeldefekte Grad III und IV.
  • Eine Mikrofrakturierung ist für das Verfahren nicht vorgesehen.
  • Für das Daumensattelgelenk liegen inzwischen klinische Langzeitdaten vor.
  • Für Hallux rigidus und die Injektion bei flächiger Gonarthrose ist die Evidenz noch begrenzt.
  • Gute Nachbehandlung und die Korrektur mechanischer Ursachen sind entscheidend.

Ausgewählte Quellen

  1. Meidrix biomedicals GmbH. ChondroFiller® liquid – Produkt- und Patienteninformationen. Herstellerinformation.
  2. Beck OT. Knorpelinduktion mittels zellfreier Kollagenmatrix (ChondroFiller liquid). Klinische und MRT-kontrollierte Nachuntersuchung. OUP. 2018;7:620–624. doi:10.3238/oup.2018.0620–0624.
  3. Mazek J et al. Arthroscopic utilization of ChondroFiller gel for the treatment of hip articular cartilage defects: a cohort study with 12- to 60-month follow-up. J Hip Preserv Surg. 2021;8:22–27. Volltext.
  4. Simeonov E. Implantation of ChondroFiller Liquid® as a scaffold material for the treatment of chondral lesions of the knee joint. J IMAB. 2024;30:5936–5941. DOI.
  5. Corain M, Faccioli N, Lavagnolo U. The Use of Collagen-Based Filler for Trapeziometacarpal Osteoarthritis: Long-Term Follow-Up and Future Applications. Cartilage. 2025. DOI.
  6. Demmer W et al. Cartilage reconstruction using Chondrofiller in intra-articular distal radius fractures. Arthroplasty. 2025. DOI.
  7. Weninger P et al. Joint Preservation in Patients with Grade IV Osteoarthritis of the Knee: Use of an Acellular Collagen Scaffold and Blood Derived Stem Cell Rich Graft. J Surg. 2025;10:11360. DOI.
  8. Pieringer AM et al. Influence of cartilage defects and a collagen gel on integrity of corresponding intact cartilage: a biomechanical in-vitro study. Arch Orthop Trauma Surg. 2024;144:4309–4317. PubMed.

Medizinischer Hinweis: Diese Informationen dienen der allgemeinen Aufklärung und ersetzen keine persönliche Untersuchung, individuelle Beratung oder ärztliche Aufklärung vor einem Eingriff. Die genannten Verfahren sind nicht für jeden Patienten geeignet. Nutzen, Grenzen, Alternativen und Risiken müssen im Einzelfall besprochen werden.

Redaktionelle Verantwortung: Medizinisch geprüft und redaktionell verantwortet von Dr. med. Rudolf Ziolko, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie.

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Eine sinnvolle Entscheidung berücksichtigt Beschwerden, Untersuchung, MRT, Gelenkmechanik und die realistischen Möglichkeiten verschiedener Verfahren.

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